Im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses gibt es neue Einblicke in Perleberger Kaufmanns-familien der Kaiserzeit
Ab sofort sind erneut Teile der Sonderausstellung des Stadt- und Regionalmuseums „Perleberger Kaufmannsfamilien der Kaiserzeit“ im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses in Perleberg zu sehen. In einer Auswahl von 17 neuen Bild-Text-Tafeln lädt das Rathaus zu einer Zeitreise zurück in die Kaiserzeit (1871 bis 1918) ein, in der auch Perleberg einen rasanten wirtschaftlichen und städtebaulichen Aufstieg erlebte. Perleberg blühte Ende des 19. Jahrhunderts auf. Firmengründungen, eine nach der anderen, bescherten der Kreisstadt wirtschaftliche Prosperität und bürgerlichen Wohlstand, das Stadtbild wurde mit qualitätsvollen Bauwerken, Bürgerhäusern, Gartenanlagen, Stadtmöbeln etc. verschönert, die von einfühlsamen Architekten und Bau-, Zimmer- und Maurermeistern entworfen wurden, allen voran Max Viereck, Carl Achtel, Carl Seimert oder Hermann Witte. In der Innenstadt etablierten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr Ladengeschäfte und auch Kaufhäuser. An der Peripherie gründeten sich Fabriken mit ihren markanten, mit Schornsteinen bestückten Werksgebäuden und ihren Fabrikantenvillen. Entlang der Berliner und der Wittenberger Straße, der Lindenstraße, am heutigen Friedrich-Engels-Platz (ehem. Hindenburg-Platz) und im Bahnhofsviertel entstanden schmucke Bürgervillen und hoben das architektonische Stadtbild enorm. Die Wirtschaft florierte und die Innenstadt war außerordentlich belebt durch Handel und Wandel. Die Ausstellung im Rathaus widmet sich einigen der damals prosperierenden mittelständischen Unternehmen unserer Stadt.
Vorgestellt werden u. a. die legendäre Konditorei mit Tanzcafé Voigt in der Wittenberger Straße 95/96 (heute das Restaurant „statt café“). Die Konditorei wurde 1818 hier an dieser Stelle von Wilhelm Hartmann gegründet. 1840 übernahm sie sein Schwiegersohn Ferdinand Voigt, dessen Nachfahren das aufstrebende Geschäft bis 1962 betrieben. Zwei andere Tafeln widmen sich den in Perleberg im 19. und 20. Jahrhundert ansässigen Buchbindern, Buchdruckern und Zeitungsverlegern. Vor allem die Buchbinderfamilie Kloß, die sich 1819 bereits in Perleberg etablierte und bis 1945 hier in der Krämerstraße ansässig war, ist hier behandelt. Der Buchladen von Wilhelm Krenkel in der Bäckerstraße Nr. 36, den er 1849 eröffnete, war sehr bekannt. Er wurde 1886 von Wilhelm Düwert übernommen. Eine Zeitung gab es in Perleberg bereits seit 1836. Es war das „Gemeinnütziges Wochenblatt für Perleberg und die Umgebung“ und erschien im Verlag des Buchhändlers G. Götze. Allerdings wurde sie in den ersten Jahren noch in Rathenow gedruckt, da in Perleberg keine eigene Druckerei existierte. Als erster Buch- und Zeitungsdrucker firmierte dann seit 1839 in Perleberg Friedrich Jacobson, der mit der Nr. 14 des 4. Jahrgangs des Gemeinnützigen Wochenblattes am 7. April 1839 den Druck dieser von G. Götze verlegten und redaktionell betreuten Zeitung in Perleberg übernahm und später in der Herausgabe des Kreisblattes für die Westprignitz gipfelte. Ein besonderes Druckerei- und Verlagshaus begründete dann 1882 Franz Grunick, der nunmehr mit den Prignitzer Nachrichten eine der wichtigsten Zeitungen der Prignitz bis 1947 herausgab. In seiner Druckerei in der Mühlenstraße Nr. 16 entstanden zahllose Druckerzeugnisse, wie Festschriften, Chroniken, Programmzettel etc. und hier verlegten Prignitzer Autoren ihre Werke und Gelegenheitsschriften. Franz Grunick selbst wurde Chronist der Stadt Perleberg. Seine Stadtchronik erschien kurz nach seinem Tode 1939 in seiner Druckerei anlässlich der 700-Jahrfeier Perlebergs.
Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich dem Kolonialwarengeschäft der Familie Dittmer in der Wittenberger Straße Nr. 2. Johannes Dittmer übernahm das Ladengeschäft 1891 und etablierte hier ein alle denkbaren Warensortimente bietendes Kolonialwarengeschäft, in dem neben frischen Heringen, Gewürzen, Bier, Getreide, Kaffee und Tee auch Saatgut, Dünger und Petroleum erhältlich waren. Sein Sohn Georg betrieb das Geschäft bis 1963 und nach einem langen Dornröschenschlaf wechselte die gesamte Ladenausstattung 1988 in das benachbarte Museum, wo dieser Kolonialwarenladen bis heute Publikumsliebling ist. Weiter Tafeln widmen sich der Traditionsfirma Koch, die noch heute besteht und 1861 von den Brüdern Wilhelm und Friedrich Koch als Maschinenbaufabrik gegründet wurde. Seit 1865 ist das Unternehmen bis heute in der Berliner Straße Nr. 42 bis 44 ansässig und widmet sich inzwischen nur noch dem Verkauf von Neu- und Gebrauchtwagen und zugehörigem Reparaturservice. Hier findet sich außerdem seit vielen Jahren auch eine Filiale der Deutschen Post. Schließlich geht eine Tafel auch auf das älteste in Perleberg nachgewiesene Gewerbe, die Schuhmacher ein. Ihre erste urkundliche Erwähnung fällt in das Jahr 1239, das zugleich auch das Jahr der urkundlichen Ersterwähnung Perleberg ist. Sie geht auf ein Privileg des Stadtherren Johann Gans für die Schustergilde in Perleberg vom 27. März 1239 zurück. In der Urkunde gestattet der Stadtherr von Perleberg, der Edle Johann Gans, den Perleberger Schuhmachern und ihren Nachkommen sich in einer Innung zu organisieren. Diese abschriftlich überlieferte Urkunde ist für die brandenburgische Landesgeschichte von herausragender Bedeutung, markiert mit dem Jahr 1239 nicht nur das älteste Schusterprivileg, sondern zugleich auch das älteste Innungsprivileg auf dem Territorium des heutigen Bundeslandes Brandenburg überhaupt. Die Bedeutung des Schuhmachergewerbes für Perleberg geht u. a. auch daraus hervor, dass es eine Schuhstraße und einen Platz mit dem Namen Schuhmarkt gibt. Die Schuster blieben bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Teil der Perleberger Handwerkerschaft. 1697 wurden hier 27 ansässige Schuster gezählt, 1801 sogar 112 und 1861 bereits 131 Schuh- und Pantoffelmacher, was u. a. auch durch die hier etablierte ständige Garnison bedingt war. Das Einwohnerverzeichnis von 1896 nennt noch 81 Schuhmacher und 1925 waren es nur noch 34. Heute ist nur noch eine einzige Schuhmachermeisterin in Perleberg tätig.
Die kleine Ausstellung im Rathaus ist im Rahmen der Öffnungszeiten der Stadtverwaltung zugänglich. Der Besuch ist kostenlos.
Bild zur Meldung: Foto: Rolandstadt Perleberg/Renè Hill | Blick in die Ausstellung im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses.
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