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Perleberger Heft 29: Vom Großen Markt auf große Fahrt – Die Mission des Perlebergers Dr. Lothar Wedel in die einstige Sowjetunion

08. 05. 2020

Der Inhalt des Perleberger Heftes 29 ist diesmal breit aufgefächert: Mehrere Kapitel im ersten Teil unter der Überschrift „Von Gelben Reitern bis zur Roten Armee“ führen von der Geschichte des Militärstandortes Perleberg und den Folgen des Zweiten Weltkriegs schließlich im zweiten Teil des Heftes in die Nachwende-Jahre, in denen der Tierarzt Dr. Lothar Wedel (1939-2018) seine Hilfstransporte in die GUS-Staaten brachte. Dieser Teil trägt den Titel „Mission eines Friedfertigen“. Als Auftakt bereichert das Heft mit einer besonderen Vorbemerkung der ehemalige Landrat Hans Lange, zugleich in jenen Jahren Vorstandvorsitzender des Kreisvorstandes des DRK Prignitz. Er war mit den Hilfstransporten Dr. Wedels unmittelbar verbunden und bezeichnet ihn sogar als „Samariter aus Perleberg“.


Im Mittelpunkt des Heftes steht der Reisebericht über einen Hilfstransport von Dr. Lothar Wedel im Jahre 1997, den Helmut Heider verfasste. Er gehört zu den Getreuen, die Dr. Wedels Transport begleiten. Über die Motive erfährt der interessierte Leser in einem weiteren Kapitel im Heft. Man fragt sich: Wie ist ein Einzelner darauf gekommen, schon zu DDR-Zeiten in seinem privaten Urlaub Hilfsgüter nach der Sowjetunion zu transportieren? Wie ist daraus ein Hilfskonvoi geworden?
In Lothars Elternhaus wurde auch russisch gesprochen, weil seine Eltern aus Ostpreußen bzw. der Ukraine stammten. Seit den 1930er Jahren lebten sie in Perleberg. Die Familie Wedel ist durch Herkunft und religiöse Überzeugungen zu einer starken Mitmenschlichkeit gereift, die als christliche Nächstenliebe zwar in der DDR offiziell nicht geschätzt war, aber zunehmend beeindruckte. Dr. Wedel, zunächst nur von seiner unermüdlichen Frau und Glaubensbrüdern und -schwestern in seiner privaten Initiative unterstützt, hielt unbeirrt an seiner selbst gewählten Aufgabe fest. Als durch die Wende neue politische Konstellationen entstanden, erfüllte sich sein Lebensmotiv, Hilfsbedürftige in der ehemaligen Sowjetunion mit großen Hilfskonvois zu unterstützen. Gerade dann, als Deutsche im Vereinigungsrausch taumelten, ließ er nicht von seinen privaten Spendenfahrten ab, sondern organisierte große Transporte für die zeitgleich von den politischen Ereignissen erschütterten Menschen in der Sowjetunion bzw. GUS-Staaten.

Helmut Heider beschreibt eindrücklich die Vorbereitungen, Umstände und Probleme eines solchen Hilfstransportes. Strapazen, Schikanen, Unwägbarkeiten, Irrwege, Erschöpfung – all das, was den Fahrern und Helfern während der tausende Kilometer langen Reise begegnet, wird nicht beklagt, klingt zwar an, wird aber von ihrem christlichen Glauben überdeckt und damit erträglich, weil Bedürftigen mit den Spenden geholfen werden kann. Insgesamt sind in 25 Jahren fast 70 Fahrten zwischen Murmansk und Baikalsee realisiert worden.

 

Nach dem Abzug der Sowjetarmee bis zum 31.3.1992 standen zwei militärische Areale in Perleberg, quasi leer. Es ist eine absurde Fügung, dass in den ehemaligen Panzerhallen und militärischen Garagen dann Kinderspielzeug, Kleidung, Gebrauchsgegenstände zusammengetragen und zwischengelagert wurden, die zahlreiche Helferinnen und Helfer sortierten, verpackten und deklarierten, bevor wieder ein Transport mit Dr. Wedel unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf die Reise ging. Er verstand es, Mitgefühl für Hilfsbedürftige in der ehemaligen Sowjetunion sowie Dankbarkeit für die Friedliche Revolution zu verbreiten. Die Spendenbereitschaft der Bürger war überwältigend und ergriff ebenso konfessionslose Menschen, Betriebe und Institutionen.
Das selbstlose Engagement Dr. Wedels, Frieden und Vertrauen zu stiften, im wahrsten Sinne „Schwerter zu Pflugscharen“ zu schmieden, fand höchste Anerkennung durch die offizielle Verleihung von Orden und Medaillen, u.a. des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland durch Bundespräsident Roman Herzog.


Doch zum Inhalt des Perleberger Heftes zurück: Vor dem Hintergrund des 75. Jahrestages des Kriegsendes 1945 stellt Martina Hennies, verantwortlich für die Konzeption und erläuternde Texte, eine unerwartete Verbindung der militärischen Entwicklung Perlebergs zum pazifistischen Wirken des Perlebergers Dr. Lothar Wedel umsichtig her. Das Militär hatte einst eine enorme Bedeutung für die Stadt. Im ersten Teil des Heftes wird daher beschrieben, wie sich die militärische Seite Perlebergs als Garnisonsstadt „Von den Gelben Reitern bis zur Roten Armee“ in groben Zügen entwickelte.


Seit 1772 war in Perleberg preußisches Militär, dieses war zunächst bei den Bürgern einquartiert. Kürassiere, die sogenannten „Gelben Reiter“, zogen 1806 gegen Napoleon ins Feld. In der wechselhaften Folgezeit bezogen und verließen verschiedene Regimenter die Stadt bis zum Jahre 1860, als das 2. Brandenburgische Ulanen-Regiment die Stadt dauerhaft stationiert wurde. Eine Zeitungsmeldung aus dem Jahre 1870 über hohen Besuch unterstreicht die Bedeutung der Garnison: „Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Karl von Preußen und seine Hoheit der Herzog Wilhelm von Mecklenburg sind am 30. Mai in Perleberg eingetroffen, um eine Besichtigung der hiesigen Garnison vorzunehmen.“ Da war vor 150 Jahren vermutlich die ganze Stadt in euphorischer Stimmung auf den Beinen.


1905 entstand nach zweijähriger Bauzeit ein großer Kasernenkomplex vor den Toren der Stadt. Die Kaiserlichen Kasernen und ihre schätzungsweise 1500 Offiziere und Soldaten hatten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidenden Einfluss auf die moderne Entwicklung der Stadt Perleberg. Ab 1945, nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, war die Kasernenanlage und das Flugplatzgelände bis 1992 von der Roten Armee besetzt. Schätzungsweise bis zu 15.000 Sowjetsoldaten lebten in Perleberg.


Die Textsammlung, herausgegeben von der Stadt Perleberg, versteht sich als Beitrag zum 75. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges und soll als Plädoyer für Menschlichkeit und Friedfertigkeit verstanden werden. Das Heft kann in der Stadtinformation, Großer Markt 12, für 2,50 € erworben werden.

 

Foto: Stadt Perleberg | Verabschiedung eines Hilfstransportes auf dem Großen Markt 1996

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